Frankfurter Rundschau vom 21.03.2018

Notizen aus der Provinz

Wobei, Sportfreunde, ich nicht behaupten will, dass Berlin Provinz sei. Zumindest nicht mehr und nicht weniger als, sagen wir mal: Mannheim. Oder Schwalmstadt. Fest steht, dass halt noch immer kein Frühling ist, und aktuell noch nicht mal Länderspiel.

Aber, HURRA; HURRA, schon wieder erreichte mich ein Gastbeitrag. Ich bedanke mich sehr bei Brodo-Win. Der Autor kann kurz, muss sein Können aber nicht zur Schau tragen. Sehr schön, gefällt. Mir blieb nichts anderes zu tun, als ein passendes Bild heraus zu suchen, was sich einigermaßen schwierig gestaltete, aber irgendeine Datenbank hatte dann doch noch eines, leider aus dem Jahr 2007. Aber wer weiß, vielleicht hat Brodo-Win ja einen der Akteure aktuell beim SV Nord Wedding bei den Aktiven kicken gesehen.

Hier jedenfalls der Text.

Das Spiel: SV Nord Wedding – MSV Normannia 08 / Berlin, Kreisliga A, 20. Spieltag
Austragungsort: Werner-Kluge-Sportplatz
Anpfiff: Sonntag, 14:00 Uhr
Wetter: saukalt

Der Elite-Fußball gönnt sich derzeit ja mal wieder eine zähe Länderspielpause. Und da die anstehende Länderspiele nicht alle Freundinnen und Freunde des Fußballsports in helle Aufregung versetzen, bietet sich die Gelegenheit, den Blick mal etwas schweifen zu lassen. Weg vom überdrehten Zirkus des bezahlten Profifußballs, hin zu den Nebenschauplätzen, die aber vielleicht doch die wahren Bühnen dieses Sports darstellen. Denn so dachte man: Wo sonst lässt sich die ganze Faszination des Fußballs authentischer nachempfinden, wo sonst bekommt man die Emotionen, die dieser Sport auslöst, ungefilterter mit, als auf den Hartplätzen des Landes? Diese gewagten Thesen könnte man ja mal wieder auf ihre Praxistauglichkeit überprüfen, dachte man sich.

In gewisser Weise stand der Zufall für dieses Vorhaben Pate. Dieser wollte nämlich, dass der eigene Nachwuchs an einem Sonntagmittag im März auf einem Kindergeburtstag auf dem Kinderbauernhof mit dem drolligen Namen „Pinke-Panke“ eingeladen war. Dieser Kinderbauernhof ist im beschaulichen Berliner Stadtteil Pankow eine kleine grüne Oase, in der gestresste Projekt-Eltern ihrem Großstadt-Nachwuchs vermitteln können, wie sie sich das Landleben vorzustellen haben. Ein Stück heile Welt also, in dieser durchtriebenen Großstadt, wo man die Herzallerliebsten guten Gewissens ein paar Stunden zum Topfschlagen, Holz-Schnitzen und Stockbrot-Backen zurücklassen kann. Und somit hat man plötzlich dieses ungewohnte, da selten gewordenes Glück, dass man sich völlig ohne Verantwortung für irgendjemand, ein paar Stunden in der Bundeshauptstadt rum treiben kann. Beste Voraussetzungen also, um dem Amateur-Fußball mal wieder einen Besuch abzustatten.

Foto: Brodo-Win

Man informierte sich vorher kurz über dieses Internet, welche Optionen des Amateurfußballs sich denn in der Umgebung so ergeben. Und wie es der Zufall wollte, richtet der SV Nord Wedding seine Heimspiele in unmittelbarer Nachbarschaft zum Pinke-Panke Bauernhof aus. Gut informierte Fußballfreundinnen und Fußballfreunde werden nun natürlich sofort aufhorchen, denn ausgerechnet dieser SV Nord Wedding ist der Nachfolge-Verein von Rapide Wedding. Jener Verein, in dem unsere Kovac-Brüder in der Jugend erstmals auf Vereinsebene spielten. Und damit nicht genug: Auch der ehemalige Eintracht-Spieler Heinz Gründel entstammt diesem Verein. Für den gemeinen Fußball-Anhänger mit Herz für die Frankfurter Eintracht ist natürlich alleine das schon Grund genug, sich diesen SV Nord Wedding mal genauer anzusehen.

Und so macht man sich auf den etwa fünf- bis zehnminütigen Fußmarsch, vom Pinke-Panke Kinderbauernhof hin zum Werner-Kluge-Sportplatz. Auf dem Weg dorthin drängt sich der Eindruck auf, dass die Bewohnerinnen und Bewohner der Bundeshauptstadt derzeit förmlich nach dem Frühling lechzen. Sie sind jedenfalls fast alle draußen unterwegs. Und der strahlende Sonnenschein Mitte März könnte einem auf den ersten Blick tatsächlich ein paar Frühlingsgefühle vermitteln. Wenn, ja wenn da nicht diese eisigen Temperaturen wären. Und als seien diese nicht schon beklagenswert genug, pfeift auch noch ein schneidender Wind durch die Hauptstadt, welcher das Draußen-Sein erst recht unangenehm macht. Oder um es deutlicher zu sagen: Es ist arschkalt an diesem Tag! Der Frühling 2018 zündet Mitte März irgendwie noch nicht so richtig in der Hauptstadt. Auf dem Weg läuft man durch eine S-Bahn-Unterführung, wo einst die Berliner Mauer den Weg versperrte und man überquert gleich zweimal die Panke. Jenes Fließgewässer, an dessen Ufer wenige hundert Meter weiter flussabwärts einst unser Prince im Käfig das Fußballspielen lernte. Und dann hat man doch tatsächlich den Werner-Kluge-Sportplatz gegen viertel vor zwei erreicht. Etwas besorgt war man vorher, da man von zahlreichen Spielausfällen im Amateurbereich auf Grund der strengen Witterung hörte. Hier im Wedding trotzt man aber offenbar der Kälte, das Spiel findet statt. Man sichert sich sodann am Kassenhäuschen eine Eintrittskarte für 3 Euro und sieht sich nach einem Platz mit guter Sicht auf das Kunstrasenrechteck um.

Ein paar Minuten hat man nun noch, bis zum Anpfiff und so wird die Zeit effektiv genutzt, um sich auf dem mobilen Wisch-Telefon noch ein wenig über die heutige Ansetzung zu informieren. Und da stößt man per Zufall tatsächlich auf die nächste Spur, die das heutige Spiel im weitesten Sinne in einen Eintracht-Frankfurt-Kontext stellt. Denn auf Wikipedia erfährt man, dass der Gastverein, der MSV Normannia 08 ein Fußballverein aus dem Märkischen Viertel im nördlichen Berlin ist und dass dieser einst der erste Verein eines gewissen Benjamin Köhler war. Und darauf war man dann tatsächlich nicht vorbereitet. Man wohnt also heute dem Duell zwischen dem Nachfolgeverein des Stammvereins der Kovac-Brüder und Heinz Gründel und des ersten Fußballvereins von Benjamin Köhler bei. Das Ganze noch dazu nur wenige Meter entfernt vom boatengschen Fußballkäfig. Als Eintracht-Anhänger geht einem bei diesen Gedanken schon ein bisschen das Herz auf. Das Wischtelefon spuckt darüber hinaus die Informationen aus, dass der MSV Normannia 08 auch der Stammverein von Zafer Yelen ist, der in der Jugend gemeinsam mit Kevin-Prince Boateng bei den Reinickendorfer Füchsen kickte und später am Bornheimer Hang in 67 Zweitligaspielen 14 Tore für den FSV erzielte. Und mit Karim Benyamina entstammt dem MSV Normannia 08 ein weiterer Spieler, der später für die Bornheimer am Ball war.

Die Tatsache, dass der Schiedsrichter unterdessen beide Mannschaften auf den Sportplatz führt, lässt die Aufmerksamkeit dann aber schnell weg von irgendwelchen fußballerischen Verbindungen der heutigen Spielansetzung in die hessische Mainmetropole schweifen. Ab jetzt gilt die volle Konzentration dem Spiel zwischen dem SV Nord Wedding und dem MSV Normannia 08. Der Stadionsprecher des Werner-Kluge-Sportplatzes verkündet inzwischen über knatternde Lautsprecher, welche an den Flutlichtmasten angebracht sind, die Mannschaftsaufstellungen. Er wünscht allen Spielern und Zuschauern ein gutes und faires Spiel und dem Schiedsrichter eine glückliche Hand und bittet dann um eine Gedenkminute für einen vor kurzem plötzlich verstorbenen Amateurfußballer aus Berlin.

Und dann kann es losgehen. Beide Mannschaften bilden noch schnell einen Kreis, in dem sie sich auf das Spiel einschwören. Es hallen laute Schreie über die Sportanlage und dann nehmen beide Mannschaften Aufstellung. Normannia 08 in den blau-weiß gestreiften Trikots ist als Tabellenführer in den Wedding gereist. Der SV Nord Wedding in den gelb-blauen Trikots steht vor dem Spiel auf einem gesicherten Mittelfeldplatz. Der Anpfiff des Schiedsrichters schallt durch den eisigen Berliner Nachmittag und der SV Nord Wedding legt los wie die Feuerwehr. Sie gehen auf jeden Ball, greifen den Gegner früh an. In der 2. Spielminute rollt der Weddinger Angriff über die linke Seite, der Ball wird scharf in die Mitte gepasst und der Spieler mit der Nummer 13 schließt eiskalt zur 1:0 Führung für die Gastgeber ab. Jubelschreie hallen über den Sportplatz. Der Stadionsprecher verkündet über die knerzenden Lautsprecher, dass der Führungstreffer vom „Sportkamerad Ferhat Kidis“ erzielt wurde. Der SV Nord Wedding ist auch im Folgenden die bessere Mannschaft. Sie machen Druck, ohne aber zwingend vor das Tor zu gelangen. Nach ca. 15 Minuten kommt Normannia 08 zunehmend besser ins Spiel. Nach Standards hat Normannia die ersten guten Torchancen. Aber auch der SV Nord Wedding bleibt gefährlich und spielt immer wieder schnelle Angriffe. Der Torschütze, „Sportkamerad Ferhat“ liefert sich einige intensive Zweikämpfe mit Normannias Kapitän „Sportkamerad Fiedler“ auf der Außenbahn. Vertraute Fußballerrufe und kurze Kommandos tönen über den Sportplatz: „Komm, weiter hier!“, „Schön!“, „Ruhig“, „Hintermann“, „Achtung!“, „Schieben jetzt!“ Ein ungestelltes Fußball-Erlebnis, dem man gerne beiwohnt. Wenn der Wind nur nicht so kalt wäre.

Normannia 08 ist inzwischen die etwas bessere Mannschaft, aber der SV Nord Wedding hat nach einem schnell vorgetragenen Angriff plötzlich die riesen Chance, den Vorsprung auszubauen. Doch der auf den ersten Blick gar nicht so dynamisch wirkende Torhüter von Normannia 08 ist blitzschnell unten und verhindert den Treffer. Dann läuft die 38. Spielminute, der MSV Normannia 08 kommt über die linke Angriffsseite und in der Mitte schließt der Spieler mit der Nummer 9 zum Ausgleich ab. „Sportkamerad Lamprecht“ wird vom Stadionsprecher als Torschütze vermeldet. Das Zuschauen dieses Spiels ist inzwischen eine Qual. Und das hat nichts mit dem Spiel und schon gar nichts mit den Spielern oder des wunderbaren Sportplatzes zu tun. Es ist einzig die klirrende Kälte und der fiese Wind, der wirklich unangenehm über den Platz fegt. Zum Glück ist jetzt Halbzeit und der Stadionsprecher empfiehlt die Vereinsgaststätte zum Aufwärmen. Guter Plan, sozusagen alternativlos, da man die Finger nicht mehr spürt. Zum Glück gibt es diese Vereinskneipe!

Und beim Betreten dieser überkommt einen sofort eine große „Wohligkeit“. Die Kneipe ist picke packe voll. Zumindest deutlich besser besucht, als das eisige Fußballspiel da draußen. Und es ist mollig geheizt. Es werden alle Erwartungen erfüllt, die man an so ein Clubheim hat: An der Wand Mannschaftsfotos von Teams vergangener Tage, zahlreiche Pokale sind ausgestellt und auf dem großen TV-Gerät flimmert gerade eine Sportikone der Hauptstadt über den Bildschirm: Sven Felski gibt sein Experten-Wissen zum anstehenden Playoff-Spiel des Berliner Eishockeyvereins gegen Wolfsburg an die Fernsehzuschauer weiter. In der Fußballkneipe ist also offenbar erstmal Kufensport im TV angesagt. Man fühlt sich von der ersten Sekunde sau-wohl in diesem Clubheim. Vermutlich trägt auch der vertraute Geruch, der sich aus solchen Sachen wie Kaffee-Duft, Geruch von Bier-Zapfanlage und Citrus-Toilettensteinen zusammensetzt zum Wohlbefinden bei. Etwas verlegen schaut man sich zunächst um in der Vereinsgaststätte. Unter normalen Umständen könnte man dem herausragenden Angebot des frisch gezapften 0,5er Schultheiss für 2,90 Euro vermutlich nicht wiederstehen.

Die innere Kälte lässt aber auf das Kaffee-Angebot für 1 Euro umschwenken. Nichts geht in diesem Moment über ein Heißgetränk! Den Kaffee darf man sich selber aus der großen Kanne abfüllen. Zudem gibt es belegte Brötchenhälften mit Käse und Ei für wenig Geld zu erstehen. Es ist schwer zu sagen, ob es an dem Kontrast zwischen der Kälte da draußen und der wunderbar geheizten Gaststätte liegt oder ob es die zwischenmenschliche Wärme ist, die dieses Clubheim ausstrahlt; jedenfalls ist man in diesem Moment ein wenig überwältigt. Man denkt solche Sachen wie: So lange es so etwas wie dieses Clubheim des SV Nord Wedding gibt, kann es um diese Welt nicht so richtig schlimm stehen. Wenn man da mal genauer drüber nachdenkt, dann ist es eigentlich geradezu rührend, dass sich hier offenbar regelmäßig Leute einfinden, die vermutlich ehrenamtlich dafür sorgen, dass die Sportplatzbesucher mit warmem Kaffee, kühlem Bier und belegten Brötchen an einem angenehm beheizten Ort versorgt sind. Zudem kann man hier in geselliger Runde Sportfernsehen verfolgen und die Leute in der Kneipe sehen auf den ersten Blick auch allesamt recht umgänglich aus. Leute, mit denen man vermutlich ohne weiteres ein Bier oder einen Kaffee zusammen trinken kann. Für den Moment möchte man dieses Clubheim eigentlich nie wieder verlassen. Wo auf der Welt könnte es bitte in diesem Moment angenehmer sein? Man nutzt die Minuten, um sich mit Kaffee aufzuwärmen und dabei solchen Gedanken nach zu gehen. Von draußen hört man dann ziemlich bald die schrille Pfeife des Schiedsrichters, der zur 2. Halbzeit bläst. Man nimmt sich einen warmen Kaffee im Pappbecher mit und tritt dann mutig wieder raus in die sibirische Kälte. In den folgenden Minuten dient der Kaffeebecher nur in zweiter Linie als Getränk. In erster Linie hilft er dabei, die Finger über dem Gefrierpunkt zu halten. Und dann geht es auch schon weiter zwischen dem SV Nord Wedding und dem MSV Normannia 08. Und wie es weiter geht! Angriff von Normannia 08, der Weddinger Torhüter kann den Stürmer nur noch mit unfairen Mitteln stoppen und somit gibt es in der 46. Spielminute Elfmeter für Normannia 08. Sportkamerad Lamprecht, der bereits den Ausgleich erzielte, lässt sich nicht bitten, legt sich den Ball zurecht und verwandelt eiskalt in die vom Schützen aus gesehen linke untere Ecke. Der Tabellenführer geht also in Führung.

Man kann inzwischen erkennen, warum Normannia 08 Tabellenführer ist. Sie stehen seht kompakt, wirken abgeklärt, spielen einen gepflegten Ball und strahlen viel Ruhe im Spiel aus. Aber der SV Nord Wedding bleibt immer gefährlich, sie haben technisch starke Individualisten, die ihr Können immer wieder aufblitzen lassen. Die persönlichen Sympathien sind etwas mehr auf Seiten des SV Nord Wedding. Man würde ihnen mindestens ein Unentschieden gönnen. Komisch, dass man auch als neutraler Zuschauer meistens einer der beiden Mannschaften etwas mehr die Daumen drückt. Sehr auffällig auf Weddinger Seite ist nach wie vor der Sportkamerad Ferhat, der pfeilschnelle Angriffe vorträgt. Zudem hat Nord Wedding inzwischen einen Spieler eingewechselt, der in der 1. Halbzeit noch das Amt des Linienrichters übernommen hatte. Er macht mächtig Dampf über die rechte Angriffsseite. Es kommt daher immer wieder zu Torchancen der Weddinger, die aber der wirklich erstaunlich schnelle und sehr gute Torhüter von Normannia 08 vereitelt. Auf Weddinger Seite werden die Abstöße häufig vom Mannschaftskapitän, einem Innenverteidiger ausgeführt. Man überlegt kurz, ob das nicht auch mal eine Option für Eintracht Frankfurt wäre, um dem finnischen Nationaltorwart den ein oder anderen weit gestreuten Ball zu ersparen. Das Spiel auf dem Werner-Kluge-Sportplatz nimmt jedenfalls nicht an Intensität ab. Ein Spieler von Normannia 08 muss verletzungsbedingt vom Platz, wenig später erwischt es auch die Nummer 5 vom SV Nord Wedding.

Und Wedding kämpft nach wie vor. In der 73. Spielminute kommt Sportkamerad Ferhat Kidis am rechten Strafraumeck zum Abschluss und schlenzt den Ball mit einem tollen Schuss ins lange Eck. Ausgleich. Großer Jubel im Wedding, die Spieler feuern sich gegenseitig an und beschwören, dass sie dieses Spiel jetzt noch gewinnen. Aber es kommt anders. Normannia 08 macht wieder Druck. Zunächst kann der Weddinger Torhüter noch eine Großchance parieren aber nach einem Eckball kommt Sportkamerad Teuber in der 78. Minute in zentraler Position zum Schuss und erzielt die erneute Führung für den Tabellenführer. Jetzt wird der Ton rauer auf dem Sportplatz. Die Spieler beider Mannschaften spüren, dass jetzt Crunchtime angesagt ist. Schiedsrichterentscheidungen werden zunehmend intensiver diskutiert und der Mannschaftskapitän von Normannia 08 staucht einen Mitspieler zusammen, da dieser ein bisschen Theater mit einem Gegenspieler gemacht hat. Wedding wirft alles rein, kommt aber letztlich nicht zwingend in den Strafraum. Und dann doch plötzlich Pfostenschuss! Das hätte der Ausgleich sein können. Der Weddinger Druck ermöglicht auf der anderen Seite immer wieder Räume für Normannia 08. Sportkamerad Lamprecht läuft frei auf den Weddinger Torwart zu und überlupft diesen, im letzten Moment kann der Weddinger Mannschaftskapitän den Ball aber von der Linie kratzen und zur Ecke klären. Unterdessen vermeldet jemand aus dem Clubheim, dass in der Bundesliga soeben der 1. FC Köln gegen Leverkusen in Führung gegangen ist. Gut für die Eintracht denkt man. Wedding drängt, kommt aber nicht mehr richtig vors Tor. Im Übereifer kommt es zu einem Offensiv-Foul, welches letztlich eine Gelb-Rote Karte für den Spieler vom SV Nord Wedding zur Folge hat. Der Weddinger Mannschaftskapitän gibt dem Schiri deutlich zu verstehen, dass er die Entscheidung nicht in Ordnung findet. Und kurz vor Schluss verunglückt ein Abschlag des Weddinger Torhüters, Sportkamerad Lamprecht ist zur Stelle und vollstreckt mit seinem dritten Treffer zum 2:4 Endstand.

Und dann ist Feierabend. Abpfiff, abklatschen unter Mit- und Gegenspielern sowie dem Schiedsrichter. Dann sind alle froh, dass sie der Kälte entweder in die Kabine oder in das Clubheim entfliehen können.

Man macht sich kurz darauf auf den Weg zurück in Richtung Pinke-Panke Bauernhof. Dabei versucht man die Eindrücke vom Werner-Kluge-Sportplatz zu sortieren. Und wieder überkommt einen das Gefühl, dass es gar nicht so schlecht um dieses Welt stehen kann. So lange es Leute gibt, die die Heizung im Clubheim des SV Nord Wedding anmachen, die liebevoll Brötchenhälften belegen, Kaffee kochen und Bier ausschenken, so lange ist noch nix verloren. Und so lange sich an einem saukalten Sonntag-Nachmittag junge Leute, die vermutlich auch durchaus unterschiedlichen kulturellen Hintergründen entstammen, zum sportlichen Wettkampf treffen, die sich dabei mitunter auch mal derbe angehen, sich aber im Großen und Ganzen an die Regeln der sportlichen Fairness, des Anstandes und Respekts halten, solange es Leute gibt, die in ihrer Freizeit die Rahmenbedingungen für so ein Fußballspiel liefern, seien es Trainer, Schiedsrichter, Platzwarte, Stadionsprecher oder Eintrittskartenverkäufer und solange es solche pfeilschnellen Flügelflitzer wie den Sportkameraden Ferhat Kidis oder eiskalten Knipser vor dem Tor, wie den Sportkameraden Lamprecht auf deutschen Hartplätzen gibt, so lange hat es der Amateur-Fußball verdient, dass man da ab und zu mal hingeht. Denn dieser hat tatsächlich so viel Liebenswertes zu bieten, was dem Profi-Fußball in vielerlei Hinsicht inzwischen abgeht. Es könnte also alles viel schlimmer sein da draußen. Das einzige, um was man sich in diesen Tagen wirklich Sorgen machen muss, ist dieser Frühling im Jahre 2018.

Brodo-Win